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Olaf Arndt
Der falsche Schlaf (Auszug)
http://www.lettre.de
[ siehe Archiv, Heft 61 ]
Bausteine zu einer Mythologie der Polizei im 21.
Jahrhundert
(...) Mit Strom, Schall, Gas und Schaum erzeugt die "Innere
Sicherheit" eine Science-fiction-Wirklichkeit. Sie
entwirft ein Bild vom zivilen Konflikt, das wir trotz einer langen
Tradition im Einsatz von Hochtechnologie, nach 30 Jahren Umgang
mit Pfeffergas, Polizeikessel, Rasterfahndung und Kommissar Computer
für Filmstaffage halten mögen. Eine Lektüre des Dokumentes
PE 166 499 des EU-Programmes STOA (1)
zur Bewertung technischer und wissenschaftlicher Optionen sowie
seiner Nachfolgetexte und Fußnoten machen diese Illusion zunichte.
Die Werkzeuge der crowd control, die Waffen der polizeilichen
Konfliktlösung, gelten bereits heute als "intelligent".
Mit diesem stark strapazierten Begriff ist nur ungenau beschrieben,
welche konkreten Effekte eine Umrüstung der konventionellen
Methoden zur "physischen Massenimmobilisierung"
auf "direkte Interaktion mit dem Gehirn"
beinhaltet. Strahlen, Projektionen und akustische Modifikationen
als Methoden der Medienkultur und die avantgardistische Biochemie
halten Einzug in die Arsenale der Exekutivkräfte. Immaterielle
oder auf molekularer Ebene agierende Träger, charmant doppelbödig
"Agenten" genannt, wirken in erster Reihe
mit bei künftigen Bürgerkriegsszenarien. Eine illusionäre
Maschinerie entfaltet sinnverwirrende Wirkungen. Ihre Nähe
zum Kunstwerk gründet im literarischen Tenor der rund zehn
Jahre alten Internationalen Konvention zum Einsatz nonletaler Waffen.
Die lose Vereinbarung geht zurück auf eine militärphilosophische
Schaumgeburt aus Zeiten der rüstungspolitischen Ebbe am Ende
des Kalten Krieges. Ihre Eltern sind die Futurologen Alvin &
Heidi Toffler, die sich zum Zweck der Zeugung des semifiktionalen
Textbastards mit den amerikanischen Quäkern Chris und Janet
Morris und einem ehemaligen green-beret-Kommandeur und Vietnamveteranen
namens John B. Alexander verbunden haben. Deren novellenhafte Formulierung
einer unblutigen und dennoch wohlgerüsteten Demokratie unterläuft
leichtfüßig die ABC-Waffen-Verbote und läßt
sich gleichzeitig als humane Strategie der Effizienzsteigerung im
Straßenkampf darstellen. Die von ihnen vorgeschlagenen medien-
und biotechnologisch aufgerüsteten Geräte erzielen temporäre
oder teilweise reversible Effekte wie Schlaf, Schmerz, Blindheit,
Lähmung, Erbrechen, spontane Defäkation und vieles mehr.
M2 Technologies Inc., die Firma des Ehepaars Morris, hält entsprechend
geeignete, in ihrer Wirkung "parametrierbare"
Produkte in einer virtuellen shopping mall feil: hochenergetische
Mikrowellen und auf DNA-Treffer ausgerichtete Chemikalien "zur
Unterstützung der Gesetzesvollstreckung" oder
Nanopartikel als Zukunft des Personenschutzes.
Auch wenn einige affirmativ argumentierende Autoren sich bemühen,
Waffen durch Hinweis auf ihren ruhestiftenden Charakter in Nichtwaffen
umzudeuten oder zumindest einen weicheren Eindruck von ihnen zu
vermitteln: Waffen, insbesondere Polizeiwaffen, bleiben, ob letal
oder nicht, gegen Personen gerichtete Waffen. Daß ihr Einsatz
Kulturgüter, Kriegsgerät und Wohnbebauung schont, ist
ein gern gesehener Nebeneffekt. Intendiert ist er allerdings nicht.
Der Name verrät es: Lethe, die Todesgöttin, ist für
Menschen, nicht für Architektur oder Werkzeug zuständig.
Die low intensity warfare, die Kriegsführung mit verminderter
Wucht, erstreckt sich hauptsächlich auf die Gebiete Massenkontrolle
(alles erkennen), Gruppenkontrolle (flächendeckend festsetzen)
und Gefangenenkontrolle (gezielt ausschalten).
Im Zentrum der Überlegungen zu den gewünschten Wirkungsweisen
steht dabei nicht länger eine Stillegung des rebellierenden
Körpers, sondern eine Unterbrechung des Zusammenhangs zwischen
Bewußtsein und Aktion. Jüngste Untersuchungen von Friedensforschungsinstituten
wie den Bradford University's Peace Studies, dem schwedischen SIPRI
(Stockholm International Peace Research Institute) oder
Konferenzen wie die Futuresonic in Großbritannien (Oktober
2002) richten daher ihr Augenmerk auf die Bedeutung des Schlafes
für die erwünschte "Verhaltensänderung",
das Fernziel der politischen Kontrolle. Deswegen verströmen
hochgradig spezifizierte Designerpharmazeutika, am Bildschirm entwickelte
und erprobte Hypnotika und Anästhetika, die wichtigsten Botenstoffe
der neuen Generation. Die programmierbare Ohnmacht der aufrührerischen
Bevölkerung könnte ein Ziel erster Ordnung in den Rechtsstaaten
des 21. Jahrhunderts sein.
Im Kontext der Übereinkunft, die den Einsatz "nicht
tödlicher Waffen" sogar vermehrt als probates
Mittel bei der Terrorbekämpfung propagiert, werden beispielsweise
gentechnisch modifizierte Kampfgase erprobt, die ihren Effekt zielgenau
an bestimmte Ethnien adressieren können. Schon Personen mit
einer nur minimal anderen Genstruktur bleiben verschont. Ein entsprechendes
Mittel liegt seit Januar 2003 einsatzbereit in einem biotechnischen
Labor in Nes Tziyona unweit von Tel Aviv und soll vornehmlich bei
Irakern wirken. Die Fabrik in Nes Tziyona war der Adressat des mit
Sarin-Komponenten beladenen El-Al-Flugzeugs, das 1992 auf ein Hochhaus
in Amsterdam stürzte. Jener pathogene Stoff ist ein metamoderner
Nachfolger der rassistischen Bombe, deren Erfindung südafrikanischen
Biochemikern bereits vor Jahren unter dem Titel pigmentation
weapon gelang. Durch jüngste Erfolge bei der distinktiven
Ansprache eines bestimmten genetischen Profils bucht sich das Human
Genome Project einen festen Platz im weltweiten Waffengeschäft.
Mit sprechenden Begriffen wie mood management und mass
incapacitation werben Forscher, Politiker und Polizeisprecher
in West- und Osteuropa derzeit für den Einsatz von Hochtechnologie,
deren Verträglichkeit mit den bestehenden Gesetzen ebenso fragwürdig
ist wie ihre ethische Dimension. Im Kern soll es darum gehen, künftig
mit dem zentralen Nervensystem der "Suspekte"
direkt zu interagieren, da die europäischen Gesetze in der
Regel und die Konvention insbesondere vorschreiben, den Körper
des Bürgers zu schonen. Es soll eine "vollständige
Defragmentierung" der behandelten Personengruppen
(Demonstranten, Aufrührer, Terroristen) vermieden werden. Die
Begriffe "Psychoelektronik" und "Nanotechnologie"
tauchen in diesem Zusammenhang irritierend häufig auf. Ein
"relativ reversibler Effekt" wird gewünscht.
Wie das funktioniert, beschreiben diverse aktuelle Gutachten, angefertigt
beispielsweise im Auftrag des bereits erwähnten STOA-Programmes
am EU-Parlament in Brüssel.
Der Zusammenhang mit der gleichnamigen griechischen Philosphiebewegung
ist so lose, daß sich der Verdacht von Etikettenschwindel
aufdrängt. STOA heißt schlicht scientific and technological
option assessment und behandelt ganz pragmatisch alle Fragen,
die sich zu Themen von Fischereiwesen über Ökologie bis
zu den Menschenrechten stellen. Die NGO Omega Foundation
aus Manchester hat im Oktober 2002 eine Aktualisierung ihres Mammutgutachtens
An appraisal of technologies of Political Control (1997-2001)
produziert, die unter Berufung auf internationale Fachleute und
Kenner der gegenwärtigen Szene besonders die jüngsten
Ereignisse in Moskau und die Planungen für den Feldzug gegen
den Irak berücksichtigt. Die Fakten aus den etwa 1 000 Seiten
STOA-Untersuchungen zum Thema der "trojanischen Vehikel",
zu Stoffen aus der neuen "Büchse der Pandora"
und zur "Hypno-Politik" werden den Parlamentariern,
wiederum auf die Größe von kaum aussagekräftigen
Tischvorlagen reduziert, vorgelegt.
Dabei fallen viele erstaunliche Fakten der Zwischenstudien heraus
und tauchen in den Endversionen nicht wieder auf. Denn wer hätte
ahnen können, daß sich hinter dem harmlosen Stichwort
border control technologies der Wiederaufbau des Eisernen
Vorhangs als elektrischer Grenze vollzieht? Was erlebt eine Person,
die von 500 000 Volt getroffen wird, die sich in einem durch UV-Laser
ionisierten Luftraum über 200 Meter Distanz in ihren Körper
entladen? Ist das die lange erwartete Humanisierung der berüchtigten
Grenzschutzmine, die aus einem mit Sprengstoff gefüllten Behälter
5 000 Mikropfeile an dünnen Kabeln in den Körper des Opfers
jagt und es so lange, wie die Batterie hält, bei vollem Bewußtsein
lähmt?
Am 19. April 2003 – das Nachgrollen des Irakkrieges hängt
noch in der Luft – meldet DPA, daß eine der kriegführenden
Parteien, Großbritannien, die lang erprobte und längst
geächtete Technologie, importiert aus den USA, den heimischen
Polizisten an die Hand gibt: Eine Pistole mit 50 000-Volt-Pfeilen
an stromführenden Drähten wird nun in fünf ausgewählten
Distrikten des Königreiches eingesetzt, um auf maximal sieben
Meter Distanz Muskellähmungen auszulösen, die das Anlegen
der Handschellen erleichtern. Wie man die metallischen Widerhaken
nach erfolgreicher Festsetzung des Delinquenten aus dessen Körper
entfernt, erwähnt die Pressemeldung nicht.
Wer hätte angesichts der Bauzäune, die in Genua und Barcelona
in den Jahren 2001/2002 verschiedene innerstädtische Sicherheitszonen
markierten, geglaubt, daß area denial devices, die
mobilen Barrieren der Zukunft, nicht im Boden der Stadt verankert,
sondern auf die Körper der Personen geklebt werden? Was fühlt
ein Passant, der mit sticky foam balls beschossen wurde
und deswegen an einer Mauer klebt, bis ihn ein nächster Einsatztrupp
mit dem entsprechenden Trennmittel ablöst? Die US Marine
Forces setzen die Klebekanonen schon einige Jahre ein, ähnliche
kinetic-impact-Waffen befinden sich in den Arsenalen fast
aller europäischer/n Staaten. Auch wenn die meisten Mitgliedsstaaten
momentan dazu tendieren, sie in Europa nicht gegen Personen, sondern
nur zur "Raumversiegelung" einzusetzen,
schließt das eine unwillentliche Überschneidung der Ziele
(Immobilisierung) nicht aus.
Was sagt es über den Zustand unserer Kultur, wenn in einer
geradezu hysterisch auf Hygiene fixierten Zeit riot control
weapons vorgeschlagen werden, die weit mehr verletzen als bloß
das Schamgefühl beim Austreten? Wie mag es auf die Gemüter
wirken, wenn auf einem öffentlichen Platz in Folge einer Besprühung
mit einem speziell konfektionierten Gas – sagen wir –
4 000 Menschen gleichzeitig heftigen Durchfall bekommen? Das von
Sunshine.org veröffentlichte interne Papier des amerikanischen
Joint non-lethal Weapon Directorate über Situationskontrolle
mittels olfaktorischer Stimuli, durch künstlich erzeugte maldorants,
übelriechende Stoffe, klingt hinfällig, wenn dies als
Begleiterscheinung anderer Anwendungen gratis zu haben ist. Der
in der Studie vorgeschlagene Einsatz von bakteriengefüllten
Projektilen zur Neutralisierung des Geruchs nach erfolgreicher Zerschlagung
der "nicht lenkbaren Unruheherde" behält
allerdings Priorität.
Wer könnte trotz des Medienkunstrauschens der vergangenen Biennalen
ernsthaft daran denken, die Teilnehmer einer Zukunftsschau aus den
Reihen der Polizei zu kuratieren? Was spürt der Gast einer
öffentlichen Kundgebung, wenn man ihn mit einer sonic hallucination
traktiert, die es ermöglicht, auf mehrere hundert Meter Distanz
eine (Fehl-)Information zu projizieren und der Wahnidee der körperlosen
"Stimme im Kopf" die technische Lösung
nachliefert? Wer würde angesichts von Bill Violas meditativer
Installation mit schlafenden Köpfen ihre Verbesserung als 3-D-Videoprojektion
wünschen, die bei Tageslicht und im öffentlichen Raum
einsetzbar ist und als lebendige Simulation auf der Oberfläche
transparenter Gase erscheint?(...)
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Dank an David Artichouk und Janneke Schönenbach
für kritische Lektüre,
sowie Dagmar Wünnenberg für ihre massive Recherche zum
Stoff.
(1) STOA bedeutet "Scientific and
Technological Option Assessment" und ist dem Directorate General
for Research der EU in Luxembourg zugeordnet. Das Europäische
Parlament hat zwischen 1998-2002 einen Gutachter beauftragt, der
sich mit der Bewertung von "technischen und wissenschaftlichen
Optionen in Europa" für die Bereiche "crowd control",
"interception" und "prison technologies" befasst.
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